sächsische zeitung 12/08/2009

Durch ein kleines Loch gesehen, steht die Welt Kopf

Der Kunstverein Meißen zeigt Fotografien von Matthias Hagemann – aufgenommen mit der Camera obscura. Von Udo Lemke

Wenn Matthias Hagemann auf Fotopirsch geht, hat er meist sechs Kameras mit – und kann damit genau sechs Fotos schießen. Allerdings ist das Wort hier unangebracht. Denn Markenzeichen des 1967 in Wolfsburg geborenen Künstlers ist es, dass er eine fotografische Technik nutzt, die auf Langsamkeit setzt, auf Entschleunigung und damit das ganze Gegenteil von Schießen ist – die Camera obscura oder Lochkamera. Im Grunde genommen genügt dazu ein Schuhkarton, der mit schwarzem Klebeband lichtdicht verschlossen wird und ein kleines Loch an einer Seitenfläche hat – so sah die erste Camera obscura aus, die sich Matthias Hagemann gebaut hat. So wie er bis heute alle seine Lochkameras selbst baut.
Legt man in den Schuhkarton lichtempfindliches Material wie Fotopapier, so bildet sich der vor dem Loch befindliche Gegenstand, das vor dem Loch ablaufende Geschehen auf dem Papier ab.
Blumentopf vorm Lichtloch
Dass die Belichtungszeit notwendigerweise länger ist, als die Bruchteile von Sekunden, mit denen heute digitale Kameras arbeiten, liegt auf der Hand, hat die Lochkamera doch keine optische Linse, die Licht bündelt und damit verstärkt. So sind minutenlange Belichtungen keine Seltenheit, man kann die Kamera aber auch Tage auf ein Objekt richten. Im Bennohaus am Meißner Markt zeigt der Kunstverein Meißen jetzt Camera-obscura-Aufnahmen von Matthias Hagemann und auch einige seiner selbst gebauten Lochkameras. Diese von ihm so genannten BoxOcams sind aus Ikea- Blechbüchsen gefertigt. Für die Serie „Urban Nature“ hat er verschiedene Objekte vor das Lichtloch platziert. Einen Blumentopf, der für Erde steht, einen Vogelkäfig, der Luft symbolisiert und schließlich ein Goldfischglas, das für Wasser steht. Durch diese Lochvorsätze verändern sich die Abbilder der Objekte, Matthias Hagemann will damit versinnbildlichen, wie sich der Mensch ein Stück Natur dienstbar macht und mit in die Wohnung nimmt. Fotografiert hat er die Serie in Barcelona, wo er seit 2006 lebt und arbeitet. Seine stehenden Bilder dieser pulsierenden Metropole wirken wie die Aufnahmen eines aus der Zeit gefallenen Flaneurs.[...]

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